Wer ist ein Takfiri?

Von Zeit zu Zeit wird bei uns mit dem Begriff “Takfiri” um sich geworfen, aber nach welchen Regeln kann man diesen Namen auf die anderen anwenden?

Der Begriff “Takfiri”

Der Begriff “Takfiri” ist kein shari’a-rechtlicher Begriff, sodass wir sagen könnten, dass dies oder jenes seine Bedeutung ist und dass dies und jenes seine Grenzen sind, die die Shari’a festgelegt hat. Vielmehr ist er ein terminologischer Begriff. Nehmen wir uns zunächst das Konzept des Unglaubens vor.

Was bedeutet Unglaube (Kufr)?

Der Unglaube ist ein festes Prinzip in der Shari’a und ebenso in allen anderen Religionen. Und jede Religion ist der Ansicht, dass alle anderen im Bezug auf sie Unglaube begehen und Ungläubige sind. Das ist also eine Bezeichnung, die nicht zu tadeln ist. Jede Religion betrachtet also alle Anhänger anderer Religionen als Ungläubige (Kuffar), da sie im Bezug auf die eigene Religion Unglaube (Kufr) begehen, diese also “verdecken” und ihr keinen Einfluss zugestehen. Und ein Gelehrter sagte einst: “Eine Religion, in der es keinen Takfir (die Bezeichnung anderer als “ungläubig”) gibt, ist keine Religion.” In dem Sinne, dass wenn man nicht die Grenzen dieser Religion erkennt, wann man daraus austritt und darin eintritt, dann ist das keine Religion. Das würde bedeuten, dass alles vermischt wird: Mit dem Zoroastrismus, dem Hinduismus, dem Buddhismus, dem Christentum, dem Judentum, es gäbe also keine Grenzen. Aber jede Religion hat Grenzen. Wenn du z.B. nicht an Jesus Christus glaubst, bist du laut ihnen kein Christ und somit erklären sie dich zu einem Ungläubigen (Kafir) und sagen, dass du nicht an diese Religion glaubst. Andere zu Ungläubigen zu erklären (Takfir) ist also ein festes Prinzip in allen Religionen.

Was bedeutet nun “Takfiri”?

Der Begriff “Takfiri” ist ein terminologischer Begriff und ich verstehe seine Bedeutung so, dass es der Austritt mit dem Takfir außerhalb der Grenzen der Shari’a ist. Also wenn die Prinzipien und Grundlagen, von denen der Takfir ausgeht, falsch oder sehr schwach sind, dann sagt man, dass dieser ein “Takfiri” ist. Das Prinzip könnte auch richtig sein, sodass dies und jenes Unglaube (Kufr) ist und wenn es hinsichtlich des Täters als erwiesen ist, gilt der Unglaube für ihn als bestätigt. Aber er ist ein “Takfiri”, wenn er in diesem Takfir übertreibt und die allgemeine Bezeichnung des Unglaubens auf Einzelpersonen anwendet. Es ist z.B. mein Recht zu sagen – und dies ist ein Thema der Meinungsverschiedenheit und des Ijtihads – dass der Nichtbetende ein Ungläubiger (Kafir) ist und ich bin davon überzeugt. Aber ich wende das nicht auf die Menschen an. Auch in meinen Antworten und Fatawa sage ich nicht, dass wenn der Mann nicht betet, seine Frau von ihm geschieden ist beispielsweise. Es ist notwendig, dass die Bedingungen gegeben sind, die Hinderungsgründe aus dem Weg geräumt sind und der Beweis klar erkennbar gemacht wird, dessen Verleugner Unglaube begeht und es müssen die Vorteile gegeben und die Nachteile aus dem Weg geräumt sein. Und all diese Dinge sind meistens nicht zu verwirklichen.

Deshalb gab es das auch nicht zur Zeit des Propheten ṣallallāhu 'alayhi wa sallam (Segen und Friede Allāhs sei auf ihm), aber darin liegt kein Beweis für die Murji’a und die Liberalen, die sagen, dass es keinen Takfir im Islam gäbe, das ist falsch. Die Person mag ungläubig geworden sein, aber ich wende das nicht an, sondern behalte meine Ansicht für mich und sage nicht “Der ist ein Ungläubiger (Kafir)!”. Erst Recht drücke ich dies nicht mit Taten aus, sodass ich gegen ihn vorgehe und die daraus resultierenden Bestimmungen des Unglaubens auf ihn anwende, während er nach außen hin das Glaubensbekenntnis verkündet und sagt, dass er Muslim ist. Wer also diese Grenzen überschreitet und es auf Einzelpersonen anwendet, bevor die Bedingungen gegeben sind, die Hinderungsgründe aus dem Weg geräumt sind, (wird “Takfiri” genannt).

Weitere Bedingungen des Takfirs

Zu den Bedingungen gehört auch, dass das Anwenden des Unglaubens (auf eine Person) durch den Machthaber geschieht und mittels eines rechtmäßigen Gerichtsverfahrens, welches für diese Person abgehalten wird. Wer also diese Grenzen überschreitet wird “Takfiri” genannt. Er ist also ein “Takfiri”, wenn er von falschen Grundlagen und Prinzipien ausgeht und Leute zu Ungläubigen erklärt, die im Allgemeinen nicht einmal Ungläubige sind. Solch einer ist irregehend, wie (die frühen) Khawarijj, die aufgrund großer Sünden Sünden Leute zu Ungläubigen erklärten. Das ist ein Fehler in der Ausgangsposition und den Prinzipien und somit sind sie “Takfiris” nach dieser Bedeutung, also das Abweichen im Takfir. Eine Person könnte jedoch im Allgemeinen ein Ungläubiger (Kafir) sein, jedoch wende ich dies nicht auf Einzelpersonen an. Nehmen wir z.B. das Herrschen mit anderem als das, was Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) herabgesandt hat. Dies gehört zur gewaltigsten Opposition gegenüber Allah und ist gewaltiger als das Unterlassen des Gebets, da das Unterlassen des Gebets “nur” das Unterlassen eines Befehls ist, wohingegen das Richten mit anderem als das, was Allah herabgesandt hat schlimmer ist. Dieser Herrscher setzt sich selbst in die Position Allahs subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) und verordnet, befiehlt und verbietet. Das ist also gewaltiger als das Unterlassen des Gebets. Wenn ein Sklave seinem Herren in einem Befehl widerspricht, dann ist das nur ein Befehl, aber wenn der Sklave seinen Herren beseitigt, sich auf seine Stelle setzt und verordnet, was den Anordnungen seines Herren komplett widerspricht, was ist gewaltiger?

Dennoch hielten sich die Gelehrten zurück

Obwohl das Richten mit anderem als das, was Allah herabgesandt hat so schlimm ist und es im Allgemeinen Unglaube (Kufr) ist und auch im Spezifischen Unglaube sein könnte, wenn die Bedingungen gegeben und die Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, haben sich die Gelehrten von der Anwendung dessen zurückgehalten! Imam Ahmad raḥimahullāh (möge Allāh ihm gnädig sein) war z.B. der Ansicht, dass Al-Ma’mun und die Kalifen der Abbasiden im Allgemeinen Unglaube begingen. Dennoch beließ er es dabei, sie mit “Islam” zu beurteilen. Wenn es also um Einzelpersonen geht, müssen diese Hindernisse überwunden werden. Die Bedingungen müssen gegeben sein, die Hinderungsgründe müssen aus dem Weg geräumt sein, das Erbringen des Beweises, das Vorhandensein von Vorteilen, Nichtvorhandensein von Nachteilen und dass dies in der Hand des Machthabers liegt und mittels eines gerechten Gerichtsverfahrens geschieht. Wie soll also dann noch der Unglaube bzgl. einer Person bestätigt werden? Denn wenn er im Gericht steht wird er (von dem Unglauben, den er tat) zurückkehren. Du sagst: “Du hast XY (Unglaube) gesagt!” und er wird sagen: “Ja, habe ich, aber ich nehme das zurück.” Oder er sagt: “Nein, habe ich nicht” und dann wird seine Aussage akzeptiert und der Richter kann vielleicht eine Disziplinarstrafe verhängen.

Schlusswort

Dies (der Unglaube bzgl. einer Person) könnte also in der Realität gar nicht bestätigt werden und so war es auch zur Zeit des Propheten ṣallallāhu 'alayhi wa sallam (Segen und Friede Allāhs sei auf ihm) und der Gefährten. Das bedeutet aber nicht, dass eine Person nicht ungläubig werden kann, oder dass wir das Konzept des Takfirs verneinen. Wer also diese shari’a-rechtlichen Grenzen überschreitet, entweder in den Prinzipien & Ausgangspositionen, oder beim Anwenden auf Einzelpersonen, der ist ein tadelnswerter Takfiri anhand des Gebrauchs dieses Wortes, bei vielen Gelehrten und Autoren und Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) weiß es am besten.