Betreten nur Muslime das Paradies?

Manche Leute denken, dass auch andere Glaubensgemeinschaften ins Paradies kommen werden, sofern sie gute Taten begehen. Gehen wir der Sache einmal auf den Grund.

Was unser Prophet sagt, das haben wir anzunehmen

Zunächst einmal sagte unser Prophet Muhammad ṣallallāhu 'alayhi wa sallam (Segen und Friede Allāhs sei auf ihm) ganz klar, dass nur eine muslimische Seele das Paradies betreten wird. Und nachdem unser Prophet ṣallallāhu 'alayhi wa sallam (Segen und Friede Allāhs sei auf ihm) ein Urteil gefällt hat, steht es niemandem mehr zu, sich darin einzumischen. Wir haben dieses Urteil anzunehmen, daran zu glauben und danach zu leben. Und wenn man es ablehnt, möge Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) uns davor bewahren, muss man dafür am Tag der Auferstehung eine schwere Rechenschaft ablegen.

Natürlich gibt es in diesem Zusammenhang einige Scheinbeweise, die manche Leute vorlegen. Konkret geht es um den 62. Vers aus Sura Al-Baqara und auch andere weitere ähnliche, doch in diesem Fall beschränken wir uns nur auf diesen. In diesem Vers sagt Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er):

Wahrlich, diejenigen, die glauben, und die Juden, die Christen und die Sabäer, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut – diese haben ihren Lohn bei ihrem Herrn und sie werden weder Angst haben noch werden sie traurig sein.

[2:62]

Dieser Vers hat den offensichtlichen Anschein, dass nicht nur die gläubigen Muslime das Paradies betreten, sondern alle anderen ebenfalls, sofern sie an Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) und den Jüngsten Tag glauben und rechtschaffen handeln.

Das Verstehen des Zusammenhangs

Zunächst einmal möchte ich diesen Vers in zweierlei Hinsicht verdeutlichen. In erster Hinsicht dürfen wir einen Vers niemals aus dem Zusammenhang nehmen, in dem er offenbart worden ist. Denn wir wissen, dass was vor dem Vers oder nach dem Vers erwähnt wird, des Öfteren einen großen Einfluss auf die Bedeutung des Verses selbst haben kann. Worum geht es in der Sura Al-Baqara in den vorherigen Versen, also vor Vers 62?

In den Ayat vor- und nachher spricht Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) über die verschiedenen Vergehen und Sünden der Kinder Israels zur Zeit von Moses 'alayhi'l-salām (Friede sei mit ihm). Unter anderem erwähnt Allah, dass die Kinder Israels ein Kalb angefertigt und angebetet haben, während Moses zum Berg gegangen ist um mit Ihm subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) zu reden. Allah hat diese Sünde erwähnt. Dann hat Er subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) die Sünde erwähnt, dass sie gesagt haben:

O Moses! Wir werden dir gewiß nicht glauben, bis wir Allah unverhüllt sehen…

[2:55]

Dann haben sie ebenfalls gesündigt, indem sie undankbar gegenüber Allah waren, nachdem Er subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) ihnen in der Wüste zu Essen und zu Trinken gegeben hat. All diese Sünden und viele weitere erwähnt Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er), und dann kommt mittendrin dieser 62. Vers, der oben genannt wurde. Der Zusammenhang ist also, nachdem sie so viele Sünden begangen haben, hat Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) ihnen durch seine Barmherzigkeit die Tür der Reue geöffnet. Gemeint ist, dass wer ab jetzt reuig zu Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) umkehrt, ob er zuvor ein Jude war, oder Christ, Sabäer oder von welcher Glaubensgemeinschaft auch immer, dann wird er bei Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) erfolgreich sein und ins Paradies eingehen dürfen,

Warum? Weil es nicht entscheidend ist, was man in der Vergangenheit an Sünden begangen hat, sondern in welchem Zustand man Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) man begegnet. Wenn man also sein Leben lang kein Muslim gewesen ist, jedoch hat man in den letzten Augenblicken den Islam angenommen, dann wird man bei Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) erfolgreich sein. Ist man umgekehrt jedoch sein Leben lang Muslim gewesen, und man ist in den letzten Augenblicken ungläubig geworden (Allah bewahre uns), dann wird man bei Ihm subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) erfolglos sein und als Ungläubiger auferstehen. Das ist der erste Aspekt dieses Verses.

Die korrekte Übersetzung

Der zweite Aspekt ist die korrekte Übersetzung davon. Die oben genannte Version ist nur eine Option, allerdings müssen wir uns die Worte genauer anschauen. Nämlich sagte Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) im Arabischen: “inna latheena amanu”. Es gibt also eine Aufzählung von verschiedenen Gruppen, und all diese, wenn sie an Allah und den Jüngsten Tag glauben, werden erfolgreich sein. Schauen wir jetzt mal, was Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) genau gesagt hat. Denn der Koran ist auf Arabisch herabgesandt worden, alles andere sind schließlich nur Übersetzungen, die richtig oder auch falsch sein können. Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) sagt: “Wahrlich, diejenigen die glauben…”.

Aber woran glauben sie?

Glauben sie an die Dreifaltigkeit? Glauben sie an manche Propheten und verleugnen die anderen? Bestimmt nicht. Denn dieser Glaube, dieser Iman, von dem Allah in diesem Vers spricht, den hat Er subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) und sein Prophet ṣallallāhu 'alayhi wa sallam (Segen und Friede Allāhs sei auf ihm) an anderen Stellen deutlich erklärt! Wer ist also gemeint? Diejenigen, die an Allah glauben, an den Jüngsten Tag, die Engel, die Bücher, die Gesandten und die göttliche Vorherbestimmung. Das sind also die Details der Aussage “Wahrlich, diejenigen die glauben…”. Hier sehen wir also ganz klar, dass nicht alle Menschen gemeint sind, die an irgendetwas glauben. Sondern diejenigen, die an das glauben, zu dem uns Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) verpflichtet hat.

Dann heißt es “wallatheena haadu”…

In der einen Übersetzung “die Juden”, aber korrekterweise heißt es wortwörtlich “diejenigen, die zurückgekehrt sind”. Die Zurückgekehrten sind diejenigen, die, nachdem sie das Kalb angebetet hatten gesagt haben (siehe Sura 7) “inna hudna ilayk”, was auf Deutsch so viel bedeutet wie “Wahrlich, wir kehren zu dir zurück…”. Deswegen wurden sie nach einer Ansicht Jahuud genannt, weil sie zu Allah zurückgekehrt sind. Insofern sind hier diejenigen Menschen gemeint, die Moses 'alayhi'l-salām (Friede sei mit ihm) zu seiner Zeit gefolgt sind und an die Thora geglaubt, sich daran gehalten und Allah einzig und allein angebetet haben. Und das sind zur Zeit von Moses wahre Muslime gewesen. Denn die Juden in dem Sinne wie wir es heute verstehen, gab es zu dieser Zeit ja noch gar nicht.

Dann sagt Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) “wa nasaara”…

Das bedeutet wortwörtlich übersetzt “die Nazarener”, weil sie ursprünglich von dort stammen. Oder aber, weil es vom arabischen Wort “nasara” kommt, und das bedeutet so viel wie “unterstützen”. Und damit sind die Anhänger von Jesus 'alayhi'l-salām (Friede sei mit ihm) gemeint. Und die Anhänger von Jesus 'alayhi'l-salām (Friede sei mit ihm) zu seiner Zeit waren Muslime gewesen, denn die Christen so wie wir den Begriff heute verstehen, die gab es zur Zeit von Jesus 'alayhi'l-salām (Friede sei mit ihm) noch gar nicht. Sie sind erst im Laufe der Zeit entstanden, so wie wir sie heute kennen. Deshalb verstehen wir hier unter dem Begriff der “Nazarener” die wahren gläubigen Muslime, die zur Zeit von Jesus ihm gefolgt sind und an alles geglaubt haben, was im Evangelium steht, und Allah als den einzigen wahren Gott angebetet haben.

Und dann kommt es zu “assabi-iin”. Das ist eine Glaubensgemeinschaft, die man als Untergruppe der Christen bezeichnet. Wie dem auch sei, auch darunter verstehen wir diejenigen Menschen, die damals denjenigen Propheten gefolgt sind, die zu ihnen entstandt worden. Insofern sagte Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) in diesem Vers: Egal in welcher Epoche du gelebt hast, wenn du zu deiner jeweiligen Zeit den aktuellen Propheten gefolgt bist, und keinen anderen Gott angebetet hast außer Allah und rechtschaffen handelst, dann wirst du am Jüngsten Tag deinen Lohn erhalten, weder wird dich Furcht überkommen noch wirst du traurig sein.

Es gibt demnach keine Widersprüche

Wenn wir diese Begriffe nun verstehen, dann wissen wir, dass es keine Widersprüche gibt. Denn es kann nicht sein, dass unser Prophet Muhammad ṣallallāhu 'alayhi wa sallam (Segen und Friede Allāhs sei auf ihm) auf der einen Seite sagt, dass nur eine muslimische Seele das Paradies betreten wird, und auf der anderen Seite sagt Allah subḥānahu wa ta'āla (verherrlicht und erhaben sei Er) etwas anderes. Und wer etwa glaubt, dass auch andere Menschen außer Muslime das Paradies betreten werden, der ist nicht nur ungläubig, vielmehr stellt er den gesamten Sinn der Entsendung der Propheten und ihrer Botschaft in Frage.

Audioversion von Neil Bin Radhan